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Marokko - Skierlebnis am Rande der Wüste - 13. - 20.02.2010

Bericht: Marokko - Skierlebnis am Rande der Wüste - 13. - 20.02.2010

1. Tag:
Die Anreise nach Marrakesch verlief ohne besondere Vorkommnisse. Wir - das sind die vier Teilnehmer und Roli, unser Bergführer - wurden dann von der marokkanischen Agency abgeholt und im Hotel abgesetzt. Nach dem Abendessen, bei dem wir das erste Mal Tajine - eine schmackhafte Art Gemüseeintopf mit mehr oder weniger Fleischeinlage - vorgesetzt bekamen, unternahmen wir zu nächtlicher Stunde noch einen Ausflug in die Altstadt von Marrakesch. Dar zentrale Platz Djemaa del Fna bot das touristisch erwünschte malerische Flair, allerdings etwas getrübt durch die unerwünschten Händler, Bettler, Gaukler, usw. Uns wurde hier klar, warum zu den oft zitierten "Geschichten aus 1001 Nacht" auch die von "Ali Baba und den 40 Räubern gehört" ...


Skitouren in Marokko
Marrakesch die Stadtmauer


Skitouren in Marokko
Marrakesch - Souk


Skitouren in Marokko
Tajine


2. Tag:
Uli, unser Wetterexperte, hatte an Vorabend unheilvoll klingende Bemerkungen über ein "Tiefdruck-Cluster" fallen lassen, doch als Bergsteiger ist man praktisch verpflichtet, ein hoffnungsloser Optimist zu sein. Und der Morgen war auch vielversprechend: Zum einen strahlte Brahim, unser einheimischer Führer, über beide Ohren, zum anderen waren vom Hoteldach aus die in der Sonne leuchtenden, verschneiten Atlasgipfel gut zu sehen. Doch die grauen Wolken, die direkt über uns hingen, setzten sich durch und so regnete es während der Fahrt nach Oukaimedene wie aus Kübeln. Erfreulicherweise besserte sich das Wetter, als wir nach dem Mittagessen zu unserem Tagesziel, dem Ort Tacheddirt (2291 m), aufbrachen: Es regnete kaum noch, nur gelegentliche Graupelschauer würzten unsere Wanderung. Apropos Wanderung, wir waren auf Schusters Rappen unterwegs, da die nach Tacheddirt führenden Südhänge komplett aper waren. In Tacheddirt hatten wir dann die recht große und erstaunlich gemütliche Gite d'Etappe für uns allein. Zum ersten Mal kochte Tami, unser Koch, und ließ nichts zu wünschen übrig.


Skitouren in Marokko
Oukaimedene


Skitouren in Marokko
Tacheddirt - Gite


Skitouren in Marokko
Der Weg nach Tacheddirt


Skitouren in Marokko
Der Weg nach Tacheddirt


3. Tag:
Die erste Skitour! Und das Wetter meinte es gut mit uns - den ganzen Tag fast kein Niederschlag. Wir mussten ca. 40 min gehen, bis wir in die Ski steigen konnten, die uns ein Muli hinterhergetragen hatte (warum gibt's in den Alpen so was nicht?!). Der Aufstieg führte über moderat geneigte Hänge mit frischen Pulverschnee zu einer Scharte hinauf. Schon während des Aufstiegs reichte die Aussicht weit hinaus ins Flachland, was dafür entschädigte, dass die höheren Gipfel um uns meist in Wolken steckten. An der Scharte blieben Brahim und ein weiterer Marokkaner aus dem Dorf zurück, die es wahrscheinlich beide nicht verstanden, warum die verrückten Touristen bei diesen Verhältnissen unbedingt noch auf den nächsten Gipfel, den Tizi n'Tikemt (3650 m) steigen wollten, denn am Kamm waren wir dem kräftigen Wind ausgesetzt, der hier - angetrieben von dem erwähnten Tiefdruck-Cluster - die ersten hohen Berge traf. So hielten wir die Gipfelpause eher kurz und genossen dafür eine super Abfahrt in erstklassigem Pulverschnee!
Nach dem Mittagessen in Tacheddirt änderten wir das Programm eigenmächtig ab: Eigentlich hätten wir eine offensichtlich endlose Straße talaus wandern sollen, um unser nächstes Etappenziel Aroumd (1983 m) zu erreichen. Statt dessen legten wir Teilnehmer zusammen, um ein Taxi zu bezahlen, das die gesamte Expedition in ca. einer Stunde zum Ziel brachte. In Aroumd übernachteten wir in Brahims Haus: Es war dort sauber und gemütlich, aber ziemlich kalt, da marokkanische Häuser zum Wohnen und nicht zum Heizen da sind ...


Skitouren in Marokko
Aroumd


Skitouren in Marokko
Brahims Haus in Tacheddirt


Skitouren in Marokko
Salatplatte


4. Tag:
Heute stiegen wir zur Nelterhütte (3175 m) auf. Das in der Gipfelregion frisch verschneite Hochgebirge - und die Berge hier brauchen sich vor den Alpen nicht zu verstecken - präsentierte sich an diesem Morgen sehr fotogen mit viel blauem Himmel und einigen Wolken an den Gipfeln und so war der lange Weg von Aroumd bis zur Schneegrenze bei ca. 2.800 m recht kurzweilig und dank der Mulis, die geduldig das große Gepäck inklusive der Ski und Skistiefel trugen, auch nur ein "besserer Spaziergang". Aber schon beim Pausenplatz, wo wir auf die Ski wechselten, war keine Sonne mehr zu sehen und bis wir am Nachmittag die Nelterhütte (3207 m) erreichten, war es dicht bezogen. Natürlich störte uns das noch nicht wirklich, auch wenn in den Hinterköpfen das Tiefdruck-Cluster herumspuckte. Aber wir waren auch erst noch damit beschäftigt, in der überraschend großen Hütte unsere Lager zu beziehen, einen Platz in der geheizten Stube zu ergattern und das wie immer vorzügliche Abendessen zu verdrücken. Nur der abendliche Verdauungsspaziergang um die Hütte fiel aus: Vor der Tür pfiff der Sturm mit waagrecht daherkommenden Graupeln vorbei und es waren schon mindestens 30 cm Neuschnee gefallen.


Skitouren in Marokko
Aufstieg zur Nelterhütte


Skitouren in Marokko
Aufstieg zur Nelterhütte


Skitouren in Marokko
Aufstieg zur Nelterhütte


Skitouren in Marokko
Ofen in der Nelterhütte


Skitouren in Marokko
Nelterhütte


5. Tag:
Jeder Versuch, die Hütte zu verlassen, scheiterte an den Schneesturm, der unvermindert anhielt und auch den ganzen Tag nicht leichter wurde. Nach dem Frühstück lungerten wir eine Weile im Eingangsbereich herum - vor allem wegen der interessanten Szenen, die sich dort abspielten: Zum Beispiel ein junger Brite mit Turnschuhen und Leinenhose, der von allen hören wollte, dass er seinem Freund, der - over-equipped mit Trekkingstiefeln und Gamaschen - zum Toubkal aufbrechen will, doch besser nicht folgen sollte. Wir für unseren Teil hatten sehr schnell entschieden, dass dieser Tag nicht dem Bergsteigen, sondern einer urschweizerischen Beschäftigung, dem Jassen, zu widmen sei. Und so nahm es Roli (ausgestattet mit einer wahren Engelsgeduld) auf sich, vier deutsche Novizen in die Kunst des Jassens einzuführen, die zuvor nicht die leiseste Idee hatten, welches Gebirge an Regeln, Ausnahmen und Tricks auf sie zukam. Nachdem wir uns aber von dem Gedanken frei gemacht hatten, dass Jass-Regeln irgendeinen Sinn machen könnten, wurde es ein sehr kurzweiliger und spannender Tag. Und falls es einen von uns mal treffen sollte, auf einer Schweizer Hütte mit drei Schweizer Bergführern eingeschneit zu werden, dann sind wir sicher, deren Jassrunde mit interessanten Fehlern und Regelverstößen bereichern zu können ...

6. Tag:
Am Morgen waren die Fenster so eisverkrustet, dass man vor die Tür gehen musste, um nach dem Wetter zu sehen. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und die Wolken hingen nicht mehr ganz so tief, aber es war klar, dass der Toubkal aus lawinentechnischer Sicht ungenießbar geworden war. Da wir aber bis zum Mittag warten mussten, bis die Träger für unser großes Gepäck von unten heraufkamen, unternahmen wir einen kleinen Ausflug das Tal hinauf zum Pass Tizi n'Ouagane (3750 m). Nach ca. 1½ Stunden Aufstieg waren wir in der Nähe des Passes auf 3695 m, aber der Wind hatte wieder volle Stärke erreicht und die Sicht war ziemlich eingeschränkt (auf ca. 10 m). Deshalb beschlossen wir, den Ausflug zu beenden und fuhren zur Hütte ab. Dabei hatten wir den Wind und Schnee von vorn und konnten den interessanten Effekt beobachten, dass der nasse Schnee im Gesicht anfror. Wie die Polarforscher aussehend kamen wir zur Hütte zurück, von wo wir nach dem Mittagessen ins Tal aufbrachen. Während wir beim Aufstieg die Ski erst ab ca. 2800 m benutzten, konnten wir heute fast bis zu den Hütten von Sidi Chamharouch auf ca. 2200 m abfahren, so viel hatte es in den letzten Tagen geschneit. Den Abend verbrachten wir wieder in Brahims Haus, nachdem wir uns zuvor in einem Hammam, einem türkischen Bad, sehr angenehm aufgewärmt hatten.


Skitouren in Marokko
Tizi n'Ouagane


Skitouren in Marokko
Tizi n'Ouagane


Skitouren in Marokko
Abfahrt nach Tizi n Tikemt


Skitouren in Marokko


Skitouren in Marokko
Abstieg von der Nelterhütte


Skitouren in Marokko
Abstieg von der Nelterhütte


Skitouren in Marokko
Abstieg von der Nelterhütte


7. Tag:
Zu Fuß stiegen wir zusammen mit unseren marokkanischen Begleitern und den treuen Mulis nach Imlil ab, wo ein Kleinbus auf uns wartete. Der brachte uns nach Asni, wo der weithin berühmte Markt abgehalten wurde. Das Programm nennt diesen Markt "ursprünglich" und hat damit ganz sicher recht: Alle Wege bestanden aus sohlen- bis knöcheltiefem Schlamm (wegen dem Tiefdruck-Cluster) und wir waren den aufdringlichen Händlern schutzlos ausgeliefert, da es Brahim weise vorgezogen hatte, draußen zu warten. Nach einer halben Stunde zwischen ein paar Dutzend Eseln und Ständen mit Lebensmitteln und Haushaltswaren flüchteten wir nach draußen ins Restaurant, wo uns eine weitere leckere Mittags-Tajine entschädigte. Von hier aus war es nicht mehr weit bis Marrakesch, wo sich Brahim verabschiedete und uns dem Trubel der Stadt und unserer Entdeckerfreude überließ. Wir hatten hierbei das Glück, dass sich Moni und Uli von früheren Reisen her in Marrakesch ganz gut auskannten und in ihrem Schlepptau durchquerten wir den unglaublich winkeligen Souk bis zu einem klasse Restaurant in der Nähe der Djemaa del Fna, wo wir unser Abschiedsessen genossen.


Skitouren in Marokko
Markt in Asni


Skitouren in Marokko
Markt in Asni


Skitouren in Marokko
Markt in Asni


8. Tag:
Während der Heimreise hatten wir genügend Zeit, ein Fazit dieser Reise zu ziehen:

Es war sicher ungewöhnliches Pech, dass wir so viel schlechtes Wetter hatten und die Marokkaner versicherten uns, dass dies ganz und gar nicht normal sei. Auf der anderen Seite, ohne Niederschläge gibt es auch keinen Schnee, um darauf herumzurutschen, und so muss man sicher davon ausgehen, dass es im marokkanischen Winter keine "Schönwettergarantie" gibt.

Nur wegen der Skitouren braucht man nicht nach Marokko zu fahren, da bieten die Alpen sicher ein vielseitigeres Programm. Aber wenn man gerne ein fremdes Gebirge mit einer ganz anderen Kultur wie bei uns zuhause kennenlernen möchte, dann kann man hier viele Eindrücke mitnehmen.

Während wir in den Bergen niemals angebettelt oder belästigt wurden (wir trafen eigentlich nur freundliche Menschen), traf es uns in Marrakesch und auf dem Markt in Asni mit voller Wucht. Man braucht eine gehörige Portion Dickfelligkeit, um ungeschoren durch diesen städtischen "Dschungel" zu kommen. Vielleicht wäre es hier gar nicht schlecht, wenn man einen Stadtführer ins Reiseprogramm aufnehmen könnte, der zum einen sicher viel Interessantes erzählen und zum anderen seine aufdringlichen Landsleute im Zaum halten könnte.

Bericht und Fotos: Klaus Bähr


Skitouren in Marokko