Please upgrade your browser to a modern, CSS/XHTML compliant version. We apologize for any inconvenience.
zurück

Mt. Everest - kurz vor dem Gipfeltag

Nach einer Woche Erholungsurlaub im Basecamp (BC) sind alle Expeditionsteilnehmer zurück im Advanced Basecamp (ABC), um von dort aus in den nächsten Tagen zum Gipfel aufzubrechen. Es hätte auch wenig Sinn gemacht, im ABC auszuharren und auf besseres Wetter zu warten. Um das zu erkennen, bedurfte es keiner detaillierten Wetteranalysen. Auch im BC signalisierte die kilometerlange Schneefahne am Everest, dass die Zeichen auf Warten stehen. Doch auch im BC war es anfangs alles andere als gemütlich. Ein kalter Wind wehte durchs Lager und wirbelte viel Staub auf. Einzelne Böen erreichten Sturmstärke und rissen Zelte aus ihren Verankerungen. Besonders übel spielte der Wind einer jungen brasilianischen Bergsteigerin mit, die unter lautem Geschrei mitsamt Duschzelt fortgeweht wurde.


Mt. Everest Nord Expedition 2010
Mt. Everest mit Basislager


Mt. Everest Nord Expedition 2010
Mt. Everest vom Basislager aus gesehen


Wir bildeten im BC eine Zeltgemeinschaft mit der italienischen Expedition um die Spitzenbergsteiger Silvio Montinelli und Abeele Franc. Während Abeele unseren Aufenthalt durch seine Kochkünste bereicherte, steuerte Silvio so manche unterhaltsame Geschichte zur guten Stimmung bei. Gemeinsam machten wir uns auch auf den Weg zur "grünen Lagune", einem Gletschersee nahe des BCs mit herrlichem Blick auf den Everest. Während wir den ersten Kilometer noch brav hintereinander her marschierten, zerfiel die Gruppe recht schnell und jeder suchte den Bergsee auf eigene Faust. Bergsteiger sind eben keine angepassten Wesen, sondern wollen ihren eigenen Weg und ihr eigenes Tempo gehen. Als wir schliesslich alle unser Ziel gefunden hatten, standen Teilnehmer unserer beiden Gruppen auf beinahe jeder Moräne um den See herum und grüssten einander aus der Ferne. Auch das schafft Verbundenheit!


Mt. Everest Nord Expedition 2010


Ein weiterer Ausflug führte uns in die Tibeterzeltstadt nahe dem BC. Bis zum letzten Jahr war diese Zeltstadt noch Teil des BC und viele Anekdoten ranken sich um das gesellige Treiben in den zahlreichen Zelten, bis die Behörden die geschäftstüchtigen Tibeter jetzt ausserhalb des BC verbannten. Herbert, Hans und ich wanderten dorthin hinaus, um ein wenig Abwechslung in die langen Tage im BC zu bringen. Im "Hotel California" liessen wir uns in einer gemütlichen Sitzecke auf eine Cola nieder und beobachteten unsere junge Gastgeberin eine Weile dabei, wie sie ihr langes Haar ausbreitete und mit ständigem Blick auf uns sorgfältig kämmte. Irgendwann war dann aber doch die Cola interessanter und wir machten uns wieder auf den staubigen Rückweg zum BC.
Wie geschäftstüchtig vor allem junge Tibeter sind, führte uns auch unser Küchenjunge vor. Eine ganze Zeitlang wusch er bereitwillig unsere Wäsche für 1 Dollar. Plötzlich verlangte er wegen der gestiegenen Nachfrage 10 Dollar. Damit hatte er den Bogen freilich etwas überspannt und weckte statt dessen nur unsere Eigeninitiative. Auch wenn die Wäsche nicht ganz so sauber wurde wie gewohnt, blieb doch das erhabene Gefühl zurück, dass Männer alles können - wenn sie nur wollen.
In ein paar Tagen geht es nun also zum Gipfel. Endlich, möchte man sagen. Denn die Besteigung des Everest besteht vor allem aus Akklimatisation und dem Warten auf den günstigsten Zeitpunkt zum Aufstieg. Dabei werden uns sehr unterschiedliche Erwartungen und Hoffnungen begleiten. Juri und Laura wollen mit der Everest-Besteigung einen Beitrag zum zweihundertjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit ihres Landes setzen. Hans möchte sein Bergsteigerleben, das ihn schon auf zwei Achttausender und alle Gipfel seiner Heimat Tirol führte, mit der Besteigung des Everest krönen. Herbert träumt davon, mit dem Everest sein grosses Ziel der "Seven Summits" zu verwirklichen. Und ich möchte meinen Enkelkindern Freja und Frederik zeigen, dass man sich im Leben hohe Ziele setzen sollte für die es sich zu kämpfen lohnt. Und kämpfen werde ich ganz bestimmt müssen, um mit den anderen auf dem Dach der Welt zu stehen.
Der Countdown läuft ...

P.S.
Lieber Christoph, nur noch einmal zum Nordcol und dann nie wieder!

Bericht: Reinhard


Mt. Everest Nord Expedition 2010
Mt. Everest


Mt. Everest Nord Expedition 2010
Sicht vom Nordcol mit ABC